Mehr in KI investieren – gilt das auch für kleine und mittlere Unternehmen?
Veröffentlicht am 10. August 2026
725 Milliarden für KI: eine Zahl, die schwer einzuordnen ist
725 Milliarden US-Dollar. So viel wollen Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft allein im Jahr 2026 in Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur stecken. Das sind 77 Prozent mehr als im Vorjahr — und es ist privates Geld, kein Konjunkturprogramm.
Vor diesem Hintergrund kursiert ein Appell, dem man derzeit oft begegnet. Leonard Schmedding bringt ihn in einem aktuellen Video gleich im ersten Satz auf den Punkt: „Du kannst nicht zu viel in künstliche Intelligenz investieren” (0:01). Unternehmen sollten ihren Mitarbeitenden unbegrenzten Zugang zu KI-Werkzeugen kaufen, in Hardware und Weiterbildung investieren und aufhören, monatelang über Datenschutz zu diskutieren.
Die Frage, die mir dabei sofort kommt: Gilt das auch für eine Zahnarztpraxis mit acht Angestellten? Für einen Heizungsbauer, eine Kanzlei, einen Malerbetrieb?
Meine Antwort ist ein klares Ja — mit einer wichtigen Einschränkung. Die lautet aber nicht „vorsichtig sein”. Sie lautet: Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel Sie investieren, sondern ob Sie überhaupt sagen können, wofür.
Der KI-Rückstand im Mittelstand ist real
Beim Nachrechnen wird der Rückstand deutlicher, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt.
Die KfW hat den deutschen Mittelstand untersucht. Ergebnis: 20 Prozent der mittelständischen Unternehmen setzen KI ein. Das ist eine Verfünffachung in sechs Jahren — und es heißt gleichzeitig, dass vier von fünf Betrieben bisher gar nicht angefangen haben.
Der Digitalverband Bitkom kommt in seiner Erhebung von Anfang 2026 auf 41 Prozent. Der Unterschied ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Stichprobe: Bitkom befragt Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden. Die KfW nimmt den ganzen Mittelstand mit, Kleinstbetriebe eingeschlossen.
Damit ist die eigentliche Nachricht ausgesprochen: Je kleiner der Betrieb, desto größer der Rückstand. Genau dort, wo die Entlastung am dringendsten gebraucht wird, passiert am wenigsten.
Dass es dabei nicht nur um Kleinbetriebe geht, zeigt ein prominentes Beispiel: Siemens hat im Frühjahr 2026 angekündigt, den Löwenanteil eines Milliardenbudgets für industrielle KI zunächst in den USA und in China einzusetzen — mit dem Verweis auf regulatorische Hürden in Europa. Wenn schon ein Konzern mit eigener Rechtsabteilung so entscheidet, kann man ahnen, wie sich das für einen Betrieb ohne Rechtsabteilung anfühlt.
Beim KI-Einsatz ist das Budget selten der Engpass
Und hier trennen sich meine Erfahrung und der Ratschlag aus dem Video.
Der Vorschlag lautet: Kaufen Sie Ihren Leuten unbegrenzten Zugang zu den führenden KI-Modellen. Für ein Softwareunternehmen ist das vermutlich richtig. In den Betrieben, mit denen ich spreche, löst es das Problem aber nicht — weil das Problem woanders liegt.
Fairerweise muss man sagen: Genau diesen Einwand nimmt Schmedding vorweg. Er kennt das Gegenargument, es komme nicht darauf an, wie viel man investiert, sondern worin — und hält es für überflüssig (7:18). Seine Begründung ist sprachlich elegant: Wer investiert, gibt nicht bloß aus. Das Zielgerichtete stecke im Wort schon drin, man müsse es nicht eigens dazusagen. Entsprechend fällt bei ihm auch der Satz „alles mit Sinn und Verstand” (9:22), und nicht jeder Betrieb brauche gleich eigene Hochleistungsrechner.
Der Definition stimme ich zu. Was ich bestreite, ist die Annahme, dass sie sich in der Praxis von selbst versteht.
Denn genau das Zielgerichtete ist es, was in den meisten kleinen Betrieben fehlt. Fast alle nutzen inzwischen ChatGPT: Texte formulieren, E-Mails glätten, eine Idee sortieren. Das ist nützlich, und viele halten es bereits für „wir arbeiten mit KI”. Was dabei überhaupt nicht in den Blick kommt: dass KI im Betrieb etwas ganz anderes bedeutet, als ein Chatfenster aufzumachen.
Ein größeres Kontingent ändert daran nichts. Solange niemand im Haus benennen kann, welcher Ablauf konkret automatisiert werden soll, bleibt es beim Texteschreiben — nur mit mehr Budget dahinter.
Dazu kommt eine zweite Falle, die ich regelmäßig sehe: Sobald Betriebe anfangen, geht der Blick zuerst auf das Sichtbare und Unterhaltsame. Ein Video für Social Media, ein neues Logo, hübsche Bilder. Das macht Spaß und lässt sich vorzeigen. Nur ist es fast nie die Stelle, an der KI im Betrieb das meiste Geld bewegt.
Wo KI im Betrieb wirklich Geld bewegt
Der Nutzen sitzt fast immer in Vorgängen, die drei Eigenschaften gleichzeitig haben:
- Sie wiederholen sich — täglich oder wöchentlich, in immer ähnlicher Form.
- Sie sind gut beschreibbar — man könnte einer neuen Aushilfe in zehn Minuten erklären, wie es geht.
- Sie blockieren gerade einen Menschen, der eigentlich Wichtigeres zu tun hätte.
Wenn Sie diese drei Filter über Ihren Alltag legen, landen Sie in fast jedem Betrieb an denselben Stellen:
| Wo es typischerweise klemmt | Was tatsächlich verloren geht |
|---|---|
| Anrufe, die während der Arbeit nicht angenommen werden | Aufträge und Termine, die niemand je zählt |
| Terminvergabe und Terminverschiebungen | Arbeitszeit der bestbezahlten Kraft am Empfang |
| Erinnerungen an fällige Termine und Nachsorge | Der planbarste Teil des Umsatzes |
| Anfragen außerhalb der Öffnungszeiten | Interessenten, die beim Nächsten anrufen |
| Anfragen, die tagelang auf ein Angebot warten | Aufträge, die inzwischen der Wettbewerber hat |
| Angebote, denen niemand hinterhertelefoniert | Abschlüsse, die schon zum Greifen nah waren |
| Material- und Auftragsdisposition in der Produktion | Stillstand, Eilzuschläge und totes Kapital im Lager |
| Dokumentation und Übertragen von Daten | Abende, die für Papierkram draufgehen |
Der Unterschied zur Spielerei ist messbar. Ein Betrieb, der weiß, dass montags zwischen 8 und 10 Uhr jeder dritte Anruf ins Leere läuft, kann ausrechnen, was ihn das kostet. Und erst wenn er das ausgerechnet hat, ist die Frage „lohnt sich die Investition?” überhaupt beantwortbar.
Und das ist mein eigentlicher Punkt: „Sinn und Verstand” kann man in einem kleinen Betrieb nicht voraussetzen — man muss ihn buchstabieren. Wer die Frage nach dem Wofür überspringt, steckt sein Geld mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Sichtbare statt in das Wirksame und ist hinterher überzeugt, KI bringe nichts.
Datenschutz und AI Act: was seit dem 2. August für KI-Assistenten gilt
Die zweite Bremse ist real. Bitkom nennt Datenschutzanforderungen mit 77 Prozent als größte Digitalisierungshürde überhaupt; Rechtsunsicherheit liegt bei knapp der Hälfte der Unternehmen.
Im Video wird das im Kern als Ausrede behandelt, mit dem Hinweis, der AI Act werde ja ohnehin entschärft. Das ist genau zur Hälfte richtig — und die andere Hälfte betrifft ausgerechnet kleine Betriebe.
Entschärft wurde: Mit dem sogenannten Digital Omnibus, seit Ende Juli 2026 in Kraft, wurden die Pflichten für Hochrisiko-KI auf Dezember 2027 verschoben. Das ist der aufwendigste Teil des Regelwerks.
Nicht verschoben wurde: Die Transparenzpflichten nach Artikel 50 gelten seit dem 2. August 2026. Sie betreffen KI-Systeme, die mit Menschen interagieren — also Chatbots, Sprachassistenten und KI-Telefonassistenten. Und das ist exakt das, was ein kleiner Betrieb als Erstes einsetzt.
Bevor das jetzt als neuer Grund zum Zaudern gelesen wird: Die Pflicht ist deutlich kleiner, als der Begriff klingt. Sie verlangt im Kern, dass Menschen erkennen können, dass sie mit einer KI sprechen. Beim Chatfenster ist das ein Satz zu Beginn des Dialogs, der zwei Dinge enthält — dass hier eine KI antwortet und wie man einen Menschen erreicht. Beim Telefonassistenten ist es ein Halbsatz in der Begrüßung.
Das ist kein Projekt. Das ist eine Textzeile.
Was bleibt und wirklich Sorgfalt verlangt, ist der Umgang mit den Daten selbst — bei Praxen und Kanzleien die Schweigepflicht nach § 203 StGB, in jedem Betrieb die Frage, welche Daten das Haus verlassen. Diese Fragen sind zu klären. Aber sie sind klärbar, und sie sind kein Grund, drei Jahre zu warten.
Ein Hinweis in eigener Sache: Ich habe die Zahlen aus dem Video nachgeprüft, bevor ich sie hier verwende. Die 725 Milliarden stimmen exakt. Bei zwei weiteren genannten Werten zu Datenschutzbedenken im Mittelstand bin ich auf keine belastbare Quelle gestoßen — die stehen deshalb nicht in diesem Text. Bei einem Thema, das so schnell läuft, lohnt sich der Blick auf die Primärquelle grundsätzlich.
Warum der KI-Erfahrungsvorsprung jetzt entsteht
Wenn ich dem Video in einem Punkt uneingeschränkt zustimme, dann in der Dringlichkeit — nur mit einer anderen Begründung.
Was gerade entsteht, ist nicht in erster Linie ein Kostenvorteil. Es ist Erfahrung. Ein Betrieb, der heute anfängt, sammelt in den nächsten zwölf Monaten Wissen darüber, wie diese Werkzeuge in seinem Geschäft funktionieren: was sie können, wo sie versagen, wie Kundinnen und Kunden reagieren, wie man sie in bestehende Abläufe einpasst. Dieses Wissen kann man später nicht kaufen und nicht nachholen. Man kann es nur machen.
Wer wartet, bis alles geklärt ist, wartet nicht auf Sicherheit. Er wartet darauf, dass andere den Vorsprung aufbauen.
Wo ich dem Video nicht folge: KI ersetzt kein Personal
Am Ende des Videos steht der Rat, Mitarbeitende, die durch KI überflüssig geworden sind, zu ersetzen und notfalls zu entlassen, um das Geld in KI zu stecken.
Für einen Betrieb mit acht Leuten geht diese Rechnung nicht auf. Dort ist Personal keine Kostenposition, die man gegen Technik tauscht — es ist die Kapazität. Und der Fachkräftemangel, den Bitkom mit 70 Prozent als zweitgrößte Hürde nennt, sorgt dafür, dass niemand freiwillig Leute abgibt.
Der realistische Effekt ist ein anderer: Die Anmeldung telefoniert weniger und kümmert sich mehr um die Menschen, die vor ihr stehen. Die Fachkraft macht abends keinen Papierkram mehr. Das ist unspektakulärer als „Mitarbeiter ersetzt” — aber es ist das, was tatsächlich passiert.
Häufige Fehler bei KI-Investitionen
- Mit dem Sichtbaren anfangen. Social-Media-Videos und Bildgeneratoren fühlen sich nach Fortschritt an. Der Nutzen liegt fast immer in den unsichtbaren Wiederholungsvorgängen.
- Den Chat für die Strategie halten. Texte formulieren zu lassen ist ein guter Einstieg, aber es ist kein KI-Einsatz im Betrieb.
- Alles gleichzeitig wollen. Ein Vorgang, der nachweisbar entlastet, ist mehr wert als fünf halbfertige.
- Ohne Ausgangswert starten. Wer vorher nicht weiß, wie viele Anrufe verloren gehen, kann hinterher nicht sagen, ob sich etwas geändert hat.
- Den Rechtsrahmen zum Projekt aufblasen. Die Transparenzpflicht seit August ist ein Satz in der Begrüßung. Das Nachdenken gehört zu den Daten, nicht zur Kennzeichnung.
- Warten, bis es ausgereift ist. Der Vorsprung, der jetzt entsteht, ist Erfahrung — und die entsteht nur im Tun.
Mein Fazit
Ja, auch kleine und mittlere Unternehmen sollten mehr in KI investieren. Der Appell ist richtig, und die Zahlen zum Rückstand des deutschen Mittelstands sind deutlich genug.
Aber die Größe des Betrags ist die falsche Stellschraube. Ein Betrieb, der 500 Euro zielgerichtet in den einen Vorgang steckt, der ihn täglich blockiert, ist besser dran als einer, der das Zehnfache in etwas steckt, das gut aussieht. Investieren heißt nicht ausgeben — dieser Unterscheidung im Video stimme ich vorbehaltlos zu. Sie muss nur bis zur konkreten Frage durchgezogen werden: Wo genau in meinem Haus?
Meine Einschätzung: Ich glaube, es hapert vor allem an der konkreten Vorstellung, wie KI wirklich Kosten senkt oder Umsatz steigert. Die meisten nutzen ChatGPT, haben aber keine Ahnung, was KI für ihr Unternehmen leisten kann — wenn das klarer wäre, würden sie sicher sofort investieren. DSGVO-Bedenken sind natürlich auch ein großer Faktor. Aktuell sind die im Vorteil, die etwas wagen: Sie sammeln gerade unschätzbar wertvolle Erfahrungsvorsprünge und werden die KI-Revolution eher überstehen und sogar davon profitieren, während die Bedenkenträger alles im Keim ersticken. Und ja, Unternehmen sollten mehr investieren — aber zielgerichtet. Oft sind Spielereien verlockender, als wirklich zu schauen, wo der größte Nutzen liegt.
Wenn Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen: Nehmen Sie sich eine Woche und notieren Sie jeden Vorgang, der sich wiederholt und einen Menschen aufhält. Diese Liste ist Ihr Investitionsplan. Alles andere ist Zubehör.